Der Betrieb auf der Wupper-Thalbahn

07.12.2025 11:19
#1 Der Betrieb auf der Wupper-Thalbahn
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Hallo zusammen.

Im letzten Sommer hatte ich angekündigt, den Betrieb auf der Wupper Thalbahn zu erläutern.
Das möchte ich hiermit nun nachholen und werde diesen Beitrag in drei Teile gliedern: Die Grundsatzfragen, die Ausführung im Modell, sowie die derzeitige (Vorlauf) Betriebssituation und zukünftige Veränderungen.

1. Fangen wir mit den grundsätzlichen Aspekten an,
Ich habe nach reiflicher Überlegung entschieden, dass die Wupper Thalbahn nicht als Kleinbahn konzessioniert ist, sondern als Straßenbahn. Es gilt also die BO-Strab, bei mir in der Ausführung von 1956, mit der Signalordnung von 1958.
Daraus ergeben sich einige Unterschiede zur EBO, die die Betriebsabwicklung auch im Modell vereinfachen.

- Es wird grundsätzlich auf Sicht gefahren.
- Die zulässige maximale Geschwindigkeit ergibt sich aus dem obigen Grundsatz und der Regel, dass "jederzeit, auch vor einem unerwarteten Hindernis, mit einer Betriebsbremsung sicher zum Stehen zu kommen ist".
- Die Zugsicherung auf den eingleisigen Streckenabschnitten erfolgt nach Kreuzungsplan.
- zusätzliche Züge können per "Nachzugsignal" Zg2 problemlos eingefügt werden
- Es entfällt die Trennung zwischen freier Strecke und den Bahnhöfen, was Zugkreuzungen und Rangierabläufe vereinfacht.
- Betriebsstellen mit besonderer Bedeutung oder Gefährdung werden durch das damalige Signal F5 "Zwangshalt" (heute Strab Sh1) abgesichert.
- Geschobene Züge im öffentlichen Straßenraum dürfen nur mit maximal Schrittgeschwindigkeit fahren, ein Rangierer hat dabei der Fahrzeuggruppe mit einer rot weißen Fahne, bei Dunkelheit einer rotleuchtenden Laterne vorwegzugehen.

Link zu Wikipedia, Folgezugbetrieb

Link zur Wikipedia, Strassenbahnsignale-Schutzsignale

2. Für die Umsetzung im Modell, und hier insbesondere die Frachtabwicklung, habe ich mich an der H0m Anlage von Johannes Auerbacher, dargestellt im Eisenbahnmagazin 1984, orientiert. Johannes hatte in der damaligen Artikelserie sehr ausführlich die Grundlagen seines Frachtsystem erläutert, ich konnte vieles davon unverändert übernehmen.
Alle Frachten mit ihren Details habe ich in einer Excel Tabelle zusammengetragen.



Abgewichen bin ich von der sehr guten "Literaturvorlage" aber bei den Wagenkarten und Frachtzetteln. Ich habe beides zu einem Dokument zusammengefügt, wie es auch OOK auf der BAE praktiziert.
Frachtkarten sind bei mir demnach im Format DIN A7 quer, farbig gedruckt und laminiert, die Zuordnung des Frachtauftrags zu einem dezidierten Wagen erfolgt durch händisches Eintragen des Wagentyps mit wasserlöslichem Filzstift in ein freies Feld der Karten.
Da jeder Wagentyp bei mir nur einmal vorhanden ist, brauche ich die mitunter recht klein gedruckten eigentlichen Wagennummern gar nicht heranziehen.

Jede Frachtkarte beinhaltet folgende Informationen:
oben links die geforderte Wagengattung mit dem Hauptgattungszeichen und dem ersten Nebengattungszeichen, daneben das erwähnte Leerfeld für die konkrete Zuordnung zu einem Wagen, rechts der Vermerk für V=Versendefahrt E=Empfangsfahrt B=Binnentransport S=Stückgut.
Im Mittelteil die Angaben zu den 3 Schritten: Anforderung des Wagens, Lastfahrt mit den Einträgen zur Fracht selbst sowie Versender / Empfänger sowie die anschließende Retoure des Wagens.



3. Der aktuell mögliche Betrieb findet zwischen Sonnborn-Stadtbahnhof sowie dem provisorischen Gewerbegebiet Jammertal mit vier Firmen / Gleisanschlüssen statt, als da sind:
Brennstoffhandel Julius Lipp
Press- und Stanzwerk Wacker & Dörr
Eisengießerei Ludwig Schmelzer
Galvanisierbetriebe Johann Sauerborn

Beide Betriebsstellen sind mit einem 90 Bogen bei 50cm Radius verbunden, mehr Fahrstrecke gibt es leider derzeit nicht, aber ich empfinde das gar nicht mal als großes Manko. Für die nähere Zukunft ist aber Veränderung in Sicht, dazu später mehr.

Die einfachste Betriebsversion ist der Einpersonenbetrieb ohne Uhr und Fahrplan.
Dazu werden so viele Frachtkarten aus der Box gezogen, wie Rollwagen an der Rampe stehen (i.d.R. zwei oder drei). Entsprechend der gezogenen Karten werden DB Güterwagen zugeordnet und von dem Ablagebord unter der Anlage aufs Fiddlegleis gestellt. Der Breuer Schienentraktor schiebt die Wagengruppe dann durch die Kulissentrennung auf die Rollwagenrampe.
Nach dem Aufrollen der "Normalos" auf die Rollwagen wird der Zug mit einer Schlussscheibe gekennzeichnet und begibt sich auf den Weg nach Jammertal. Dort sind die mitgebrachten Wagen den Betrieben zuzustellen und die anderen dort befindlichen Wagen aus der letzten Session abzuholen. Da alle Gleislängen in Jammertal mit ca. 50 cm recht kurz ausfallen, sind mitunter kniffelige Rangiermanöver nötig.
Abschließend geht die Fuhre wieder zurück nach Sonnborn, die DB Wagen werden abgerollt und entschwinden durch die Kulisse zum Fiddlegleis und dann aufs Abstellbord. Eine solche Session dauert etwa 45 Minuten und wird von mir fast täglich nach dem realen Feierabend durchgespielt.
Dabei ist für mich das Spiel mit sichtbaren Frachten (Juweela hat da ganz viele tolle Sachen) sehr wichtig, deswegen werden soweit als möglich auch Ladegüter in die Wagen verladen resp. aus ihnen entnommen.

Betriebsversion zwei, die alleine, oder auch mit Mitspielern funktioniert, ist ein kompletter Betriebstag mit grafischem Fahrplan und "relativer" Uhr. In diesem Fahrplan sind zwei Güterzugumläufe, mehrere Straßenbahnumläufe sowie Post- und Stückgutfahrten so "über den Tag" verteilt, dass ich das alleine nacheinander, oder zu mehreren abfahren kann. Die Auswahl und Handhabung der Frachtkarten entspricht dem o.g. Einpersonenbetrieb. Ein ganzer Betriebstag dauert dann rund 2,5 bis 3 Stunden, eine schöne Beschäftigung für einen Samstag Nachmittag.
Für die Zukunft ist der Wechsel auf eine Modelluhr (Faktor 3:1, 4:1 oder 5:1) geplant, eine große Nebenuhr und die notwendige Steuerung ist vorhanden, aber noch nicht installiert. Fahrpläne erstelle ich mit dem Programm J-TrainGraph.
Des Weiteren möchte ich bald mit dem Bauabschnitt 2 die Zwischenstation Buchenhoven einfügen, und Jammertal um die nächste Ecke weiterschieben. Damit ist dann noch wesentlich mehr Betrieb möglich, der auch 3-4 Personale beschäftigen kann.
Dann werde ich Betriebstage hier im Forum ankündigen, und jeder, der mal dicke Bertha oder eine Tram fahren möchte, darf sich gerne melden.

Viele Grüße zum 2. Advent, Georg


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07.12.2025 13:08 (zuletzt bearbeitet: 07.12.2025 13:52)
#2 RE: Der Betrieb auf der Wupper-Thalbahn
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Hallo Georg,

sehr anschaulich und nachvollziehbar dargestellt 👍🏻

Bezüglich Straßenbahn oder Kleinbahn muss ich jetzt doch noch mal recherchieren, ob noch jemand Betriebsanweisungen der Iserlohner Kreisbahn oder der Kleinbahnen von Hohenlimburg und Plettenberg besitzt - um das dann auf Plettenbach anzuwenden.

Viele Grüße

Jörn

Nachtrag:
Wer mehr über die Anlage von Jo Auerbacher wissen möchte klickt hier

https://www.drehscheibe-online.de/foren/...293#msg-8688293

oder schreibt mir wegen der Serie im em eine PN.

Der ultimative Stresstest für eine Prototype-Freelancing-Konzeption:
Bahngeschichte, gefakte Bilder und Quellenschnipsel im Netz verstreuen, 2 Jahre warten.
Ist dann über die eigene Bahn ein Wiki-Artikel und ein Kenningbuch erschienen ist die eigene Konzeption wasserdicht und man kann mit dem Gleisplan weitermachen.

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07.12.2025 18:21
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#3 RE: Der Betrieb auf der Wupper-Thalbahn
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OOK

Hallo Georg,
danke für die aufschlussreiche Darstellung. Diese Betriebsform hat ihren eigenen Reiz. Ich bin an dem Satz hängen geblieben, dass die Kreuzungen nach Kreuzungsplan abgewickelt werden, ein Begriff, den wir hier noch nicht hatten.
Habe gleich mal in der BO Strab nachgeschaut:
https://www.gesetze-im-internet.de/strab...R026480987.html
und ihn dort auch nicht gefunden. Kannst du ein paar worte dazu sagen?
Gruß

Otto

In meinem Blog gibt es jetzt (wieder) eine Katze im Sack

OOK
Heute schon in den ADJ-Blog geschaut?
https://www.jaffas-moba-shop.de/anlagen-design-journal/

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07.12.2025 18:57 (zuletzt bearbeitet: 07.12.2025 18:59)
#4 RE: Der Betrieb auf der Wupper-Thalbahn
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Moin,

Zitat von OOK im Beitrag #3
Ich bin an dem Satz hängen geblieben, dass die Kreuzungen nach Kreuzungsplan abgewickelt werden, ein Begriff, den wir hier noch nicht hatten.

Ging mir auch und ich bin bei der Recherche hier hängen geblieben:

https://www.ebay.de/itm/173292649064?srs...XJKMvVNExhlb4Eh

Der ultimative Stresstest für eine Prototype-Freelancing-Konzeption:
Bahngeschichte, gefakte Bilder und Quellenschnipsel im Netz verstreuen, 2 Jahre warten.
Ist dann über die eigene Bahn ein Wiki-Artikel und ein Kenningbuch erschienen ist die eigene Konzeption wasserdicht und man kann mit dem Gleisplan weitermachen.

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07.12.2025 19:50
#5 RE: Der Betrieb auf der Wupper-Thalbahn
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Hallo zusammen.

Die Frage nach dem Kreuzungsplan hatte ich ehrlicherweise nicht erwartet, aber Jörn hat da in der Bucht tatsächlich ein solches Dokument gefunden.
Ich will versuchen den Zusammenhang zu erklären.
Nehmen wir mal an, auf meiner Linie 12 würde alle 30 Minuten eine Straßenbahn fahren, und ein kompletter Umlauf würde 2 Stunden dauern, dann bräuchte man 4 Züge um das zu bewerkstelligen. Diese 4 Züge der Linie 12 heißen dann Kurs 01, Kurs 02 usw.
Im Kreuzungsplan ist dann genau angegeben welcher Kurs wann und wo mit einem anderen kreuzt.
Zur Kenntlichmachung an den Straßenbahnwagen werden und wurden dazu kleine Tafeln (ca 20x20 cm) mit der Kursnummer vorne so hinter die Frontscheibe geklemmt, die vom Gegenkurs gelesen werden konnten.
In einer Ausweichstation konnten so beide Straßenbahnfahrer erkennen, daß sie mit dem geplanten Gegenkurs gekreuzt haben.

Im Falle eines Folgezuges musste dann der vordere Zug neben seiner eigenen Kurstafel noch das Folge- oder Nachzugsignal gut sichtbar positionieren.
Dieses Folgezugsignal "sagte" dem in der Ausweiche wartenden Gegenkurs: " Du musst stehen bleiben und warten, hinter mir kommt noch ein Folgezug.
Eigentlich ein recht simple und sichere Regelung, solange sich alle streng an die Regeln halten und aufpassen, wann sie wem begegnen.

Über die Verfahrensweise bei starken Verspätungen und anderen Störungen werde ich morgen noch was ergänzen.

Grüße, Georg


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07.12.2025 20:04
#6 RE: Der Betrieb auf der Wupper-Thalbahn
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Bei Wiki ist das ganz gut beschrieben:

https://de.wikipedia.org/wiki/Sicherung_von_Zugfahrten

Der ultimative Stresstest für eine Prototype-Freelancing-Konzeption:
Bahngeschichte, gefakte Bilder und Quellenschnipsel im Netz verstreuen, 2 Jahre warten.
Ist dann über die eigene Bahn ein Wiki-Artikel und ein Kenningbuch erschienen ist die eigene Konzeption wasserdicht und man kann mit dem Gleisplan weitermachen.

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08.12.2025 17:52
#7 RE: Der Betrieb auf der Wupper-Thalbahn
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Ergänzung zum Fahren nach Kreuzungsplan.

Machen wir uns nichts vor, "Störungen im Betriebsablauf" sind keine Erfindung der jüngsten Neuzeit, auch wenn sie gefühlt früher seltener waren.
Straßenbahner vom alten Schlag legten allerdings schon viel Wert auf die eigene Pünktlichkeit und die ihrer Kollegen, und wir werden gleich sehen, dass sie dafür einen guten Grund hatten.

Um bei Verspätungen und anderen Störungen nicht den gesamten Fahrplan aus dem Ruder laufen zu lassen, galt, soweit ich informiert bin, meist eine Regel nach folgendem Prinzip:
Züge, die mit mehr als (z.B. 15 Minuten) Verspätung unterwegs waren, durften in einen eingleisigen Abschnitt nur nach fernmündlicher Zustimmung des Fahrdienstleiters einfahren, ferner mussten sich Züge in Ausweichen nach einer vergeblichen Wartezeit (s.o.) ebenfalls per Streckenfernsprecher beim Fahrdienstleiter melden. Dieser hat dann nach Lage der Situation die Zugkreuzungen ggf. in eine andere Ausweiche verlegt, oder einen Zug zum weiteren Warten gezwungen. Das führt natürlich zu zahlreichen Telefonaten und erst später wieder zum regulären Ablauf.
Die Wende- und Pausenzeiten an den Endhaltestellen pufferten dann nach ein bis zwei Umläufen auch größere Störungen wieder weg.

Entsprechend der ersten BO-Strab von 1938 (!) waren die Straßenbahnunternehmen nämlich gezwungen:

§ 8, Absatz 2: Im ganzen Streckennetz muss für die Betriebsbediensteten ausreichend Gelegenheit sein, sich durch Fernsprecher oder andere Nachrichtenmittel mit der Betriebsleitung, den Betriebshöfen und anderen Betriebsstellen zu verständigen.

Es darf also angenommen werden, das die Straßenbahnunternehmen entsprechend dieser Vorgaben vor allem die Ausweichen der eingleisigen Strecken mit Streckenfernsprechern ausgerüstet haben, und daneben noch Knotenpunkte und Streckenverzweigungen.




Das Zusammenwirken von Straßenbahnfahrplan und Güterzügen kann gemäß der Grundlagen nach zwei verschiedenen Verfahren geregelt werden:

1. Entweder fahren die Güterzüge nach einem festen, vorgegebenen Fahrplan incl. ausreichender Rangierzeiten etc., und sind dann in den eingangs erwähnten Kreuzungsplan eingewoben, dann fährt der Güterzug grundsätzlich, also ggf. auch als Leerzug (Lok ohne Wagen). Dieses Prinzip wende ich bei der Wupper-Thalbahn an.

2. Oder die Güterzüge werden mittels Folgezugregel an die planmäßigen Trams "angebunden", hier fahren die Güterzüge nur nach Bedarf.
Nach diesem Prinzip werden bei der Fremo 0mI Gruppe ( 0mI =0m Industriebahn) die Güterzüge gefahren, was in der Praxis ebenfalls sehr gut funktioniert.

Grüße, Georg


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08.12.2025 21:40 (zuletzt bearbeitet: 08.12.2025 21:43)
#8 RE: Der Betrieb auf der Wupper-Thalbahn
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Hallo,

interessantes Thema!

Letztlich ist die Grundidee des Kreuzungsplans, wenn man es auf den Eisenbahnbereich übertragen würde: man stellt einen Fahrplan auf der die Zugfolge festlegt (welcher Zug kreuzt wo mit welchem), und dieser wird dann strikt "abgearbeitet".

Nachteil: dieses System funktioniert nur dann wenn der Ablauf nicht völlig aus dem Ruder läuft (Verspätungen). Die von Georg zitierten Vorschriften zeigen auch dass in einem solchen Fall doch wieder eine zentrale Instanz (Fahrdienstleiter, Betriebsleitung) benachrichtigt werden muss die dann Abweichungen gestattet.

Übrigens scheint mir dass einige Schweizer Eisenbahnen nach ähnlichen Regeln fahren. Bei Aigle-Leysin oder Rocher-de-Naye z. B. hingen an den Kreuzungsstellen große Tafeln auf denen angegeben war welche Züge dort jeweils miteinander kreuzten. Allerdings habe ich den Verdacht dass die Bahnen bei denen ich das gesehen habe alles Bergbahnen waren die in der Schweiz m. W. ein eigenes Regelwerk haben. Dort fahren auch "Teilzüge" auf Sicht hintereinander.

Nochmal übrigens: die deutsche FV-NE hat immer noch einen Passus der "gestörte Verständigung" behandelt. Wenn auf Zugleitstrecke keine Kommunikation (Funk, Telefon etc.) mehr möglich ist soll nach dem im Fahrplan vorgesehenen Ablauf weitergefahren werden - und auf jeder Betriebsstelle ist weiter zu versuchen den Zugleiter zu erreichen. Habe ich allerdings noch nie erlebt.

Grüße,
Sebastian


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