Einzelwagenverkehr im Jahr 2024

05.06.2024 13:22
#1 Einzelwagenverkehr im Jahr 2024
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Schuur ihr Jonge

ich höre immer wieder Stimmen, die uns einreden möchten, dass es in 2024 keinen ausreichend interessanten im Sinne von "es macht Spaß diesen Verkehr nachzuspielen" Einzelwagenverkehr mehr gäbe. Insbesondere solchen, der auf einer in der "üblichen Haushaltsgröße" dimensionierten Anlage dargestellt werden kann.

Klar gibt es überall die großen Werke mit teilweise umfangreichen Anschlussbahnen oder mehr oder weniger große Hafenbetriebe. Meist werden solche Anlagen mit Ganzzügen "befeuert". Darum soll es aber hier gar nicht gehen.

In einem Radius von ca. 30 Kilometern um meinen Wohnort (Butzbach) gibt es ihn noch, den Einzelwagenverkehr. Wenn auch in homöophatischer Dosierung:

- in Großen Buseck (Vogelsbergbahn) wird ein Flüssiggashändler beliefert. Aufgrund der geringen Gleislängen in der Awanst jeweils nur wenige, vierachsige Gaskesselwagen
- in Gießen-Europaviertel (Vogelsbergbahn) residiert die Fa. Esso-Roth. Diese wird täglich mit Kesselwagenzügen für Mineralölprodukte angefahren
- in Gießen-Erdkauterweg (Lahn-Kinzig Bahn) wird täglich das Tonwerk Gail (Rolldachwagen) und sporadisc der Stahlhandel Marburg & Bieber (Flachwagen) bedient
- in Löhnberg (Lahntalbahn) sorgt die im Bahnhof gelegene tonverladung für täglichen Betrieb (6 - 10) Rolldachwagen

Alle Leistungen werden durch DB Cargo mit Gravita oder "V90" erbracht

- in Butzbach (Main-Weser-Bahn) wird das Weichenwerk der Voest an der ehemaligen BLE-Strecke nach Pohl-Göns bedient, Flachwagen, Spezialwagen für Langschienen und vormontierte Weichenteile
Hier ist aktuell DB Cargo am Zug, aber im Laufe des Juni 2024 wird ergänzend die HLB mit einer G1206 mitmischen

- in Kirchhain (ebenfalls MWB) zweigt die "Ohmtalbahn" ab. Hier wird in Niederofleiden neben dem Basaltbruch der MHI (mit eigener Werkslok, Selbstentlader aller "Geschmacksrichtungen") auch die Gießerei Fritz Winter (Wagentypen müsste ich gelegentlich eruieren) bedient. Überwiegen DB Cargo, insbesondere MHI aber auch wechselnde Loks diverser privater EVU.

Sebastian hatte neben den Verkehren auf der landeseigenen Infrastruktur (ex. OHE) in Niedersachsen auch Smurfit Kappa in Hoya bereits einmal erwähnt.

Ich glaube, hier ist viel mehr Potential vorhanden als so manch einer denkt. Natürlich sind das nicht mehr die "bunten" Ng vergangener Zeiten, die die Strecken abklapperten und auf jedem Bahnhof rangierten. Aber, es werden, je nach Vorbild, durchaus unterschiedliche Wagentypen im gleichen Zug befördert.

VG Hartmut

Grüße vom Exilsiegerländer aus Butzbach in der Wetterau

Hartmut


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05.06.2024 13:35
#2 RE: Einzelwagenverkehr im Jahr 2024
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Moin Hartmut,

weißt du, wie diese Bedienungen abgewickelt werden? Es gibt ja nur noch eine Hand voll Rangierbahnhöfe oder Produktionszentren Einzelwagenverkehr oder wie die Dinger gerade heißen...
Gibt es diese Zwischenebene des Knotenbahnhofs noch? Was wäre das dann bei dir in der Gegend, Gießen, Friedberg?

Gruß
Alex


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05.06.2024 13:47
#3 "Verteilbahnhöfe" für den Einzelwagenverkehr in Mittelhessen im Jahr 2024
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Schuur Alex,

das "Produktionszentrum" für die meisten dieser Verkehre ist Koblenz. "Nachsortiert" wird in Limburg (Löhnberg, Westerwald) und Wetzlar. Friedberg wird, wenn überhaupt, häufig für Baulogistik genutzt. Ansonsten eher ein Abstellbahnhof.
Dass in Friedberg noch Holz verladen wird, hatte ich im ersten Post doch glatt unterschlagen...
In Gießen wird ebenfalls noch Holz verladen und in geringem Umfang rangiert. Insbesondere leere Kesselwagen beginnen ihre Fahrt Richtung Norden des Öfteren in Gießen; spart halt ca. 25 Kilometer Trasse.

Bei den Holzverkehren kommen häufig die HLG aus Bebra oder die "Hessische Güterbahn" HGB zum Einsatz.

Grüße vom Exilsiegerländer aus Butzbach in der Wetterau

Hartmut


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05.06.2024 15:43
avatar  magral
#4 RE: Einzelwagenverkehr im Jahr 2024
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Hallo Hartmut,
letztens rief mich auf Nachtschicht die Eisenbahn an, sie hätten einen (1) Wagen für mich, drei Coils drauf. Ob sie ihn bringen könnten. Klar, kein Problem. Würde aber etwas dauern da der Wagen erst aus einem Ganzzug ausrangiert werden müßte. Und ob wir ihn sofort abladen könnten, die Lok würde dann warten. Auch kein Problem. Einzelwagenverkehr gibt es also auch bei den ganz großen Firmen, wo man eigentlich nur Ganzzüge sieht.

Marc


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05.06.2024 18:51 (zuletzt bearbeitet: 05.06.2024 18:57)
#5 RE: Einzelwagenverkehr im Jahr 2024
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Moin Alex!

Zitat von Fischkopp im Beitrag #2
Gibt es diese Zwischenebene des Knotenbahnhofs noch?


Eine allgemeine Beobachtung ist dass die Ebene "Knotenbahnhof" oft entfallen ist. Die Übergaben, die die einzelnen Bahnhöfe und Anschlüsse bedienen, kommen oft direkt von einem großen Rangierbahnhof und haben eine weitere Anfahrtstrecke. Deswegen braucht man dafür heute Loks die einerseits gut rangieren können (Mittelführerstand, Funkfernsteuerung, Rangierkupplung) und andererseits stark und schnell genug sind um auf den Hauptstrecken und vertakteten Nebenbahnen zügig durchzukommen. Typen wie Gravita, Vossloh G12/DE12/DE18 oder G1206 tragen dem Rechnung. Und auch die V90 deren Einsatz früher meist auf den Nahbereich der großen Rangierbahnhöfe beschränkt waren machen heute oft viel mehr Streckenkilometer als früher. V60, Köfs oder kleinere Mak-Loks (G763) können da nicht mehr mithalten und scheiden aus dieser Betriebsform immer mehr aus.

Ein gutes Beispiel ist der Radius um den Rangierbahnhof Seelze:

In den Epochen 4 und 5 (Knotenpunktverfahren) hingen an Seelze rundherum diverse Knotenbahnhöfe: Nienburg, Minden, Holzminden, Kreiensen, Elze, Hildesheim, Lehrte, Celle (hab sicher noch welche vergessen). Diese bekamen ihre Eingangswagen mit 1-3 Nahgüterzügen - mit E-Loks bespannt - täglich. In den Knotenbahnhöfen waren mehrere Rangierloks stationiert (V60, Köf III) die das dann ausrangierten und mit Übergaben zu den "Satelliten" ausrückten. Mit den Ausgangswagen dann umgekehrt sinngemäß.

Heute fahren die Übergaben von Seelze oder Hannover-Linden direkt zu den Zielen: Eystrup (VGH), Verden (VWE), Liebenau, Minden, Lübbecke, Salzdethfurth, Celle (von dort weiter auf dem OHE-Netz), Northeim (Ilmebahn) und so weiter. Der Seelze Bedienungsbereich ist heute auch viel größer als früher

Die alten Knotenbahnhöfe braucht man dafür nicht mehr. Teilweise müssen aber auch noch "in der Fläche" Wagen durchsortiert werden, das geschieht mitunter auf recht kleinen Bahnhöfen mit sparsamen (reduzierten) Gleisanlagen, auch manchmal auf Zwischenbahnhöfen die früher keine Knotenfunktion hatten. Diese Bahnhöfe sind teils für den platzbeschränkten Modellbahner viel besser nachbaubar als die riesigen Knoten früherer Zeiten - und haben in Epoche 6 interessanteren Rangierbetrieb als zuvor.

Also: alles anders, aber nicht unbedingt uninteressant.

Grüße,
Sebastian


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05.06.2024 19:14 (zuletzt bearbeitet: 05.06.2024 19:24)
#6 RE: Einzelwagenverkehr im Jahr 2024
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Hallo,

noch ein Beispiel direkt vor der Haustür.

Oldenburg hatte früher einen "ordentlichen" Rangierbahnhof im Süden der Stadt der heute bis auf die letzte Schwelle verschwunden ist. Trotzdem gibt es noch Einzelwagenverkehr: regelmäßig zu Zielen wie Wilhelmshaven, Sande, Oldenburger Hafen, Ocholt (EEB-Strecke nach Sedelsberg), Großenkneten und Cloppenburg, gelegentlich auch zu anderen Destinationen. Diese Wagen kommen von Seelze nach Oldenburg Hbf. und werden dort ausrangiert. Die dazu benutzten Gleisanlagen sind eher sparsam: zwei Hauptgleise, die frühere Ortsgüteranlage und eine Handvoll Stumpfgleise in der ehemaligen Ordnungsgruppe.

Ich traue mich mal eine These zu formulieren: der Einzelwagenverkehr ist 2024 weniger umfangreich als in der Epoche 3 und findet auf weniger ausgedehnten Gleisanlagen statt. Aber vielleicht ist er gerade deswegen viel "modellbahnfreundlicher" und auf Heimanlagen gut zu handhaben - geschickte Vorbildwahl vorausgesetzt.

Gruß,
Sebastian


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05.06.2024 19:42 (zuletzt bearbeitet: 05.06.2024 19:56)
#7 RE: Einzelwagenverkehr im Jahr 2024
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Schuur ihr Jonge,

ich erweitere die These von Sebastian noch um den Fahrzeugeinsatz: Bei der Traktion ist der Einzelwagenverkehr definitiv bunter als in der "Ep. III". Heute nutzt selbst die "Staatsbahn" Lokomotiven aus den diversen Leihpools. Daneben betätigen sich auch neue Operateure auf dem Markt. Daneben sind auch die klassischen "Privatbahnen", die früher nur auf der eigenen Infrastruktur und den direkten Anschlussstrecken fuhren deutlich weiträumiger unterwegs.
Bei den eingesetzten Wagengattungen sieht es ähnlich aus. Es sind andere, meist größere und spezialisiertere Wagen unterwegs. Aber auch hier größtenteils bunter. Nicht selten finden sich vom gleichen Wagentyp diverse Beschriftungs- und Lackierungsvarianten im Zugverband.

Früher waren (fast) alle Güterwagen "braun", heute sind sie generell bunter. In den "Ep. III und IV" war hingegen durch die größere Diversifizierung der Frachten die Fahrzeugvielfalt augenscheinlich größer als heute.

Ich finde den aktuellen Güterverkehr nicht uninteressant!

Grüße vom Exilsiegerländer aus Butzbach in der Wetterau

Hartmut


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05.06.2024 20:15 (zuletzt bearbeitet: 05.06.2024 20:30)
#8 RE: Einzelwagenverkehr im Jahr 2024
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Im Zusammenhang mit dem Einzelwagenverkehr möchte ich noch auf etwas hinweisen das es in den früheren Epochen nicht so gab - bezeichnen wir es mal als "Spotverkehre".

Ganzzüge gibt es heute viel mehr als früher. Aber: früher fuhren sie meist in festen Fahrplänen - täglich, nur montags, bei Bedarf, wann auch immer. Und sie begannen und endeten in der Regel in Anschlussgleisen, praktisch nie an öffentlichen Ladestraßen.

Heute dagegen ist es "daily business" dass Frachtkunden einen einzelnen Ganzzug für einen "Spotverkehr" bestellen. Da bekommt ein Landhandel 800t Kunstdünger auf einen Schlag, es müssen drei Monate lang zwei wöchentliche Züge mit Windwurfholz abgefahren oder einmalig 20 Wagen Zementklinker angeliefert werden.

Be- und entladen werden diese Verkehre oft an öffentlichen Ladestraßen oder -rampen die früher dem Einzelwagenverkehr vorbehalten waren. Häufig werden die Züge von Streckenloks gebracht und geholt, für die "letzte Meile" oder das örtliche Rangiergeschäft wird dann eine Rangierlok eines anderen EVU gebucht, die dann mitunter tagelang Wagengruppen zwischen Abstellgleis und Ladestelle verschiebt.

Ein nettes Beispiel aus Eystrup: dort wurde die Ortsgüteranlage von der DB an die VGH veräußert und es kommen immer wieder mal "Spotverkehre" vor. Es wird Holz zu den Zellstofffabriken verschickt, Getreide umgeschlagen, und einmal im Jahr ordert die Straßenverwaltung einen Ganzzug mit Streusalz der dann per LKW auf die Bauhöfe verteilt wird.

2015 hat Claas Keller mal einen Getreideverkehr dokumentiert: http://hoyaer-eisenbahn.de/?p=2432 Den Zug brachte die HVLE, das örtliche Rangiergeschäft erledigte die VGH mit ihrer Reservelok V241 - der ehemaligen "Gründungslok" der Mittelweserbahn.

Auch in diese Reihe passt die Verquickung von Einzelwagen- und Ganzzugverkehr. Einige Jahre lang exportierte die Hoyaer Papierfabrik Papier auf dem Seeweg über Hamburg oder Bremen. Da wurden über Tage Einzelwagen in Hoya beladen und nach Eystrup geschafft, und wenn die ganze Schiffsladung beisammen war ging es als Ganzzug nach Bremen-Grolland oder Hamburg-Süd. Das lief einige Jahre lang, immer so drei, vier Züge im Monat: http://hoyaer-eisenbahn.de/?p=2179

Das ist neu, das gab es früher nicht!

Grüße,
Sebastian


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05.06.2024 22:28 (zuletzt bearbeitet: 11.06.2024 12:47)
avatar  Gilpin
#9 Einzelwagenverkehr iin der Epoche 6 - bei den ÖBB
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Hi Kollegen,

ich hätte da ein Beispiel aus Kitzbühel (das ist schon mal gebracht hatte, aber in dem thread sind die Bilder perdu): die Firma Gutmann erhält zwar keine wirklichen Einzelwagen, sondern eher so vier bis fünf:



Nach meinem Verständnis sind die aber kaum als Ganzzug zu bezeichnen. Leider ist mir nicht gelungen, das Zustellen und evtl. Ausrangieren aus einem Dg zu beobachten, geschweige denn zu dokumentieren: die entsprechenden Aktionen finden nicht täglich statt, sondern eher wöchentlich, und so lange dauerte mein Aufenthalt eben nicht.

Die Tankwagen der Firma Gutmann werden direkt aus den Kesselwagen beladen:



Der Untergrund ist übrigens sauber gegen evtl. Sickerungen abgedichtet!

Und hier bei DSO ist ein noch aktuellerer und kenntnisreicherer Bericht zu finden. Also, ich werde das Thema weiter beobachten;

bis dahin,
Euer Reiner


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11.06.2024 12:42 (zuletzt bearbeitet: 11.06.2024 15:25)
avatar  Gilpin
#10 RE: Einzelwagenverkehr iin der Epoche 6 - bei den ÖBB
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Hallo Mitdenker,

ich hatte schon einen Verdacht und kann ihn nun untermauern:



Das Bild ist fünf Jahre jünger als die vorherigen.

Es handelt sich hierbei eher um einen Pendelverkehr mit den gleichen, großteils denselben Kesselwagen! Ich werde die beiden Beiträge gern auch dorthin umsetzen, sobald ich herausgefunden habe, ob die Garnitur als Ganzzug ankommt oder aus einem Zug herausrangiert wird.

Mit freundlichem Gruß,
Reiner


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